Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit

Zeuge des Jahrhunderts, zeitloser Künstler

Geboren 1925 in einem kleinen Dorf im Burgenlandkreis, wurde Horst Meier zu einem Zeugen des Jahrhunderts. Dennoch sind seine Plastiken keine biographischen Museumsstücke oder schlichte Bebilderungen seines Lebens. Sie erzählen Geschichten, eröffnen Verweise und verkleiden Gedanken, aber so lustvoll und vielfältig, dass sie mehreren Leben entsprungen sein könnten: Fabelhaft und phantastisch, sinnlich und erotisch, moralisch und abstrakt. Wie alle wahren Kunstwerke regen sie das freie Spiel der Assoziationen an und sind offen für die Ideen ihrer Betrachter.

Krieg und Gefangenschaft

Mit nur 18 Jahren wurde Horst Meier zur Wehrmacht an die Ostfront befohlen, in einen Krieg, den er zutiefst verabscheute. In Weißrussland diente er als Nachrichtensoldat in den Sümpfen des Pripjat und wurde beim Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte im Juli 1944 gefangengenommen. Zusammen mit 57.000 anderen Soldaten musste er vor der heimischen Bevölkerung durch Moskau marschieren, bevor er fünf Jahre lang in verschiedenen Arbeitslagern inhaftiert wurde. Die Bewahrung des Friedens wurde zum Thema seines Lebens.

Agent für die HVA

Zurückgekehrt in die Heimat, die bald darauf zur DDR gehörte, wollte er einen Beitrag leisten und positive Spuren hinterlassen. Er studierte Journalismus und wurde Kulturredakteur bei der Zeitung Freies Wort in Suhl. Doch Anfang der 1960er Jahre trug ihm ein Freund aus der Zeit der Gefangenschaft eine außergewöhnliche Möglichkeit an: Er sollte Agent für den Auslandsgeheimdienst der DDR werden, für die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) unter der Führung von Markus Wolf. Der Reiz dieser Aufgabe leuchtet heute nicht mehr selbstverständlich ein, aber in der Zeit des Kalten Krieges und der ständigen Eskalationsgefahr trug die wechselseitige Spionage zum Erhalt des militärischen Patts bei – und damit auch zur Sicherung des Friedens. Horst Meier machte sich die Entscheidung nicht leicht, willigte aber schließlich ein.

Überwachung der NATO

Nach einer geheimdienstlichen Ausbildung ging er unter einer neuen Identität, alias Erwin Miserre, in den Westen. Zunächst nach Frankfurt am Main und Saarbrücken, schließlich ab 1967 nach Brüssel, wo er die Überwachung des westlichen Militärbündnisses NATO unterstützte. Als sogenannter Resident bestand seine Aufgabe darin, die operativen Agenten zu betreuen und zwischen ihnen und dem Berliner Hauptquartier Informationen auszutauschen. Ansonsten durfte er ein freies Leben führen.

Künstlerisches Erwachen

Dies nutzte er, um die Brüsseler Kulturszene zu erkunden, und erlebte ein künstlerisches Erwachen. Er schrieb sich an der Königlichen Akademie ein und wurde Schüler und Assistent des Brüsseler Bildhauers Olivier Strebelle. Zwischen beiden entstand ein freundschaftliches Verhältnis. Horst Meier lernte schnell und gut, entwickelte sein Talent und schuf schon bald seine ersten eigenen Werke. Acht Jahre lang pendelte er zwischen den Schützengräben des Kalten Krieges und dem freien Geist der Ateliers, erfüllte gewissenhaft seine Aufgaben und ließ doch Feingefühl und Kreativität gedeihen. Das Drahtseil wurde sein Zuhause, in der Enge fand er neuen Raum. Bis seine „geheime Nebentätigkeit“ entdeckt zu werden drohte und er Brüssel 1976 verlassen musste.

Im Schutzraum der Heimlichkeit

Als seine Agentenzeit endete, blieb ihm die Kunst. Horst Meier arbeitete im heimischen Atelier weiter, prägte seinen Stil weiter aus und verfeinerte seine Technik. In den kommenden 30 Jahren schuf er eine kleine, aber unverkennbare Sammlung an Plastiken. Doch sein bescheidenes Naturell und das Wissen um seine brisante Vergangenheit ließen ihn die Öffentlichkeit meiden und den Schutzraum der Heimlichkeit bevorzugen. Ruhm und Ehre musste er dadurch entsagen, hielt aber sein Werk von allen politischen oder kommerziellen Einflüssen fern und erlaubte ihm eine autonome Entwicklung, die in der zeitgenössischen Kunst selten ist.

Unverwechselbare Formensprache

Alle Skulpturen Horst Meiers besitzen ihre ganz eigene Bedeutung, sind aber durch einen gemeinsamen Geist und eine unverwechselbare Formensprache verbunden. Ihre besondere Spezialität sind sie demontablen Teile, die sich geschmeidig zu eleganten Einheiten aufbauen, aber im Inneren penibel gefügt wurden und wie die Organe eines Körpers zusammenpassen. So kleiden sie Präzision in Ästhetik, Härte in Weichheit, Komplexität in Schlichtheit und stehen sinnbildlich für eine zutiefst menschliche Vielschichtigkeit. Eine Vielschichtigkeit, für die ihr Schöpfer der glaubwürdigste Zeuge ist.

Vermächtnis

Horst Meier glaubte nicht an Heilsversprechen, an neue Menschen oder das Glück über Nacht, aber die Leidenschaft und Unerschütterlichkeit, mit der er sich der Kunst trotz aller Widerstände widmete, lässt erahnen, dass er ihr zutraute, unseren Blick auf die Welt und uns selbst zu verändern. Dennoch – oder gerade deshalb – sind seine Werke keine politischen Manifeste, sondern Botschafter der Schönheit, Bekenntnisse zur Freiheit und eine Liebeserklärung an das Leben. Sie wollen Wahres, Gutes und Schönes, wollen Frieden, Anmut, Poesie.

Text: Gerald Grundmann